Alice Angeletti

Zwischen 07:00 und 12:00

Mittwoch 13.01. bis Donnerstag 21.01.2016

Finissage: am Donnerstag 21.01.2016 um 18.00 Uhr

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Das Frühstück bildet einen intimen Moment zwischen dem Verschlafensein und dem Munterwerden und es ist der Einstieg in den neuen Tag. Jeder frühstückt auf unterschiedliche Art und Weise und jeder Tisch, jedes Zimmer, jede Tasse sieht anders und besonders aus. In der Ausstellung werden einige Bilder zu sehen, die für das Projekt „Zwischen 07.00 und 12.00“ entstanden sind. Das Projekt ist ein Work in Progress und will dieses alltägliche Ritual fotografisch dokumentieren und erforschen. Die Bilder entstehen während des Besuches bei Menschen, von denen die Künstlerin sich zum Frühstück einladen lässt. Die Porträtierten werden beim Fotografieren von ihr aufgefordert, aus einer Tasse zu trinken, die dem Zweck dient, die Anonymität der Person zu bewahren. Was zu sehen ist, sind die Details eines alltäglichen Momentes unbekannter Menschen, deren Leben und Gewohnheiten sich auf dem Bild entblößen oder zumindest vom Betrachter erahnen lassen.

Wer die Künstlerin zum Frühstück einladen möchte und Teil des Projektes werden will, kann sich auf die im Ausstellungsraum liegende Liste eintragen.

Gadiel Aguirre Travi und Reiko Yamaguchi

Sprechende Hände

Ausstellungseröffnung am 30.10.2015 um 19:00 Uhr

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Fotos:  Jan Neukirchen

Die Semiologie unterscheidet grundlegend zwischen dem Bezeichnetem
und der Bezeichnung.1 Diese Begriffe beschreiben den Zusammenhang
zwischen dem gemeinten Objekt und dem sprachlichen Hilfsmittel, das
benutzt wird, um darüber zu sprechen. Um diesen Zusammenhang sichtbar
zu machen, bedienen wir uns einer Geste, die so elementar ist, dass wir sie
im Alltag wahrscheinlich kaum noch als sprachlichen Akt wahrnehmen:
dem Zeigen. Indem wir auf etwas zeigen, machen wir deutlich, was wir
meinen und wovon wir sprechen. Wir unterstützen unsere Rede, indem wir
mittels unserer Hände Vorstellungsbilder beim Gesprächspartner
hervorzurufen suchen. Wie lässt sich nun aber diese alltägliche
Sprachpraxis in ihrer Funktionsweise verstehen und selbst als solche
abbilden, ohne damit etwas anderes zu meinen – wie kann man zeigen ohne
etwas zu bezeichnen?
Dieses Thema behandeln Gadiel Aguirre Travi (*1990 in Juanjui, Peru) und
Reiko Yamaguchi (*1982 in Okayama, Japan) in ihrer ersten gemeinsamen
Ausstellung „Sprechende Hände“.
In der gleichnamigen Videoarbeit zeichnen die beiden Künstler mit dem
Zeigefnger die Handbewegungen verschiedener Politiker aus
unterschiedlichen Ländern während deren Reden mit. Dieses
Nachvollziehen erscheint als eine Analyse, wobei die Künstler keinerlei
Kommentare zu den gezeigten Gebärden abgeben. Durch ihr Hinweisen auf
die Hände der Politiker wird deren Gestik besonders augenfällig und man
meint, durch den Rhythmus und Richtung der Handbewegungen etwas
über den Sprecher erfahren zu können. Stimmung und emotionale
Aufadung der Rede, sowie der persönliche Charakter drücken sich in der
Körpersprache aus und so lässt sich auch ohne zu hören, über was
gesprochen wird, ein bestimmter Informationsgehalt erfassen.
Die Performance Touch me setzt dagegen die Idee der Verständigung mittels
der Zeichnung um. Besucher zeichnen mit ihrem Finger auf dem Rücken
einer der beiden Künstler. Dieser steht an einem Overheadprojektor und
zeichnet auf der Projektorplatte mit, was er auf seinem Körper fühlt. Das
Ergebnis wird auf dem Lichtbild an der Wand sichtbar. In den
entstandenen Zeichnungen lässt sich einerseits simultan, auf einen Blick,
erfassen, was sich sukzessiv ereignet hat. Andererseits lassen sich die Linien
auch langsam nachverfolgen, wodurch ein äußerer Beobachter der Situation
sehen und miterleben kann, was in dem intimen Kontakt zwischen Künstler
und Performanceteilnehmer unsichtbar stattgefunden hat.
Die Linie ist dabei sowohl das Grundelement der Schrift als auch der
Zeichnung. Vielleicht entdecken Künstler gerade jetzt – da sich ein
unmerklicher Wandel dieses Paradigmas vollzogen hat und eigentlich der
Punkt, das Pixel, das Bit zur Grundstruktur unseres Schrift- und
Bildaufbaus geworden ist – das direkte Erfahren des Zusammenhangs von
Realität und seiner Abbildung durch das Nachziehen einer Spur mit
analogen Mitteln für sich neu.
Diese unmittelbare Zeichenerfahrung zeigt sich auch in der Serie
Doppelporträt, die in einem Workshop mit ca. 40 Personen entstand. Den
Teilnehmerinnen und Teilnehmern wurde die Aufgabe gestellt, sich in
Zweiergruppen einander gegenüber zu setzen und innerhalb einer Minute
ein Porträt ihres Partners zu zeichnen. Dafür sollten sie eine Acrylglasplatte
zwischen ihren Köpfen halten und das Gesicht ihres Gegenübers anhand
der Umrisse, die sie durch die Scheibe sehen, nachzeichnen. So entstanden
jeweils zwei sich überlagernde Linienporträts, die in der Ausstellung auf
einem Monitor präsentiert werden. Da die Mitwirkenden in ihrem Alltag
kaum bis gar nicht zeichnen, lässt sich annehmen, dass sie sich der Aufgabe
unvoreingenommen und ohne auf praktische Erfahrung zurückgreifen zu
können, stellten. Die Porträts sind daher Produkte der subjektiven
Wahrnehmung des Gegenübers im aktuellen Moment, was ebenso viel über
das Dispositiv der Zeichensituation wie über Zeichner und Gezeichneten
aussagt.
Die Gemeinschaftsarbeiten von Gadiel Aguirre Travi und Reiko Yamaguchi
machen Bewegungsabläufe sichtbar und geben Einblick in die
Prozessualität ihrer künstlerischen Arbeit. Somit wird in der Ausstellung
„Sprechende Hände“ der performative Aspekt der Zeichnung für den
Besucher erfahrbar und der übliche Begriff dieser althergebrachten Gattung
um ihr kommunikatives Potential erweitert.

1Vgl. z.B. Ferdinand de Saussure. In: Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft, 3.Aufage, Berlin 2001, S. 76f.

Text von Anna Bauer

 

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“Wir haben keine Zeit zu erklären, was wir machen.”

Ausstellungseröffnung am 14.04.2015 um 20:04 Uhr

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»Wir haben keine Zeit zu erklären, was wir machen.« ist eine Intervention und Performance, die zum ersten Mal 2015 in der HBK Braunschweig stattgefunden hat. Der Satz tauchte in verschiedenen Orten der HBK auf: Außenfassade des mexikanischen Pavillons von Ricardo Legorreta, auf einer Vielzahl von A4 Blättern als Blindprägung und auf einem LED-Display im Mensafoyer.

Mit der Sprache bzw. dem Satz wird die Begrenztheit unserer Zeit ausgedrückt. Er vermittelt eine Hektik und Bedrücktheit zugleich, die an den verschiedenen Orten widergespiegelt werden. Das rote LED Laufband im Mensafoyer steht nicht still. Die Projektion an die gläserne Fassade des mexikanischen Pavillons wird erst in der Dämmerung Stück für Stück sichtbar. Die Intervention im Treppenhaus ging mit einer einmaligen Performance einher, die um 20.04 Uhr statt fand. Über 1000 weiße Blätter flogen für wenige Minuten wild durch die Etagen und hüllten den Raum in weiß. Wer genau hinsieht, merkt, dass der Satz »Wir haben keine Zeit zu erklären, was wir machen.« auf jedem einzelnen Blatt eingeprägt ist. Jedes Blatt zeigt eine Phase des Zeitablaufs. Das Sehen erlebt ein Déja-vu und der Anfang ist nie wirklich ein Beginnen.

Rolf Pilarsky / Daniela Comani

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„Geschichte wird gemacht!“

Ausstellungseröffnung am 07.01. 2015 um 19 Uhr

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Daniela Comani: Ich war’s. Tagebuch 1900-1999 (2002),
Audio-Installation & Chronologie, 66 min

Rolf Pilarsky: Offshore (2014),
2-Kanal-Videoinstallation, Farbe, kein Sound, 3 min

„Offshore“ sind Finanzplätze, die außerhalb der üblichen Rechtsnormen liegen: niedrige bis keine Steuern, minimale Kontrolle und Regulierung. Oft sind es kleine Inseln, häufig ehemalige britische Kolonien. „Offshore“ sind aber auch Radiostationen, die illegal von Schiffen außerhalb von Hoheitsgewässern senden. Rolf Pilarsky verknüpft in seiner 2-Kanal-Videoinstallation eine Black- und Grey Liste der OECD von Offshore Finanz Zentren und Steueroasen mit einer Liste aller in der Alliance of Small Island States (AOSIS) zusammengeschlossenen Inseln, welche als Folge des steigenden Meerwasserspiegels im Zuge der Klimaveränderung ins Leben gerufen wurde und Daniela Comani installiert eine Art Piratensender der Geschichte, mit dem sie das 20. Jahrhundert zur Ich-Erzählung umfunktioniert.

Schrift in Film/Video gilt als ‚illusionsstörend’: Schrift als Bild wird opak, sie ist nicht mehr transparente Transporteurin von Inhalt, sondern SchriftBILD. Als solches adressiert sie uns im Zusehen dialogisch: sie spricht nicht nur von etwas, sie spricht uns an (Florian Krautkrämer: Schrift im Film, Münster 2013). Die Schriftbilder in „Offshore“ machen damit unüberhörbar sichtbar: die Zusammenhänge zwischen Finanzkapitalismus und Klimaveränderung. Die vom steigenden Meeresspiegel bedrohten Inseln (schwarz auf Signalrot) auf der einen Seite, die weißen Wolken der Kapitalflucht vor meereshimmelblauem Hintergrund auf der anderen. Archipelisches Denken – alles hängt zusammen – ist zitterendes Denken: statt Selbstgewissheit ein Denken in Beziehungen (Édouard Glissant). Rolf Pilarsky verfolgt mit seinen experimentellen dokumentarischen Formen (Videos und Fotografien) solche Zusammenhänge: die Beziehung von Politik, Umwelt und Gesellschaft, der Einfluss neuer Technologien auf Ökologie, Ökonomie, Gesellschaft und Datenarchitektur.

Daniela Comani macht sich Geschichte zu eigen: 366 Tage, vom 1. Januar bis 31. Dezember, 1990-1999, die Geschichte des 20. Jahrhunderts aus der Ich-Perspektive erzählt: Geschichte ist hier eine Ich-Erzählung, knappe, Faktizität kondensierende Tagebucheinträge. Ich habe Geschichte gemacht, und: die Geschichte hat mich gemacht: Ich bin’s, ich war’s, ich bin’s gewesen! Geständnis, Behauptung und Einverleibung zugleich. Das Subjekt der Geschichte ist hier eine unhintergehbare, unkaputtbare Setzung, beständig sterbend, am 14. März zum Beispiel „an mutifunktionalem Organversagen“, beständig lebend, beständig wiederkehrend. Bis das „Regime endet“, nein nicht ‚das’, mein Regime endet: Das Ich ist am Ende am Ende. Es hat Buch geführt und uns die Geschichte zur Verfügung gestellt und uns alle in die Verantwortung genommen: Das Ich ist nicht einfach die Künstlerin, ich bin es auch gewesen, das zuhörende Ohr der Audio-Installation („ich wars“ gibt es auch als Künstlerbuch (Revolver Publishing) sowie als E-Art-App, von Ivo Wessel entwickelt) kann sich zum Ich der Erzählung machen, oder aber Widerspruch einlegen: Stimmt doch gar nicht, das warst nicht du, ich war das. Oder wer war das noch? Wer macht Geschichte? Wie wird Geschichte gemacht?
(Text von Nanna Heidenreich)

Keine Atempause
Geschichte wird gemacht
es geht voran

Spacelabs fall’n auf Inseln
Vergessen macht sich breit
es geht voran

Berge explodieren
Schuld ist der Präsident
es geht voran

Graue B-Film Helden
regieren diese Welt
es geht voran

(„Es geht voran“, Fehlfarben, Monarchie und Alltag 1980)

Aranka Feige / Benjamin Seidel

Meisterschülerpräsentation von Aranka Feige mit Benjamin Seidel

Ausstellungseröffnung am 12.11.2014 um 19 Uhr

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Lucie Biloshytskyy / Szu-Ying Hsu

Paulitaaas Roomtour

Ausstellungseröffnung am 29.10.2014 um 19 Uhr

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Youtube-Kanal Paulitaaas Welt

#Paulitaaas Room Tour

Text von Eileen Müller

Paulitaaas Room Tour ist eine künstlerische Arbeit von Lucie Biloshytskyy und Hsu-Szu Ying die mit Hilfe der Schauspielstudentin Melina Borcherding alias Pauline umgesetzt wurde. Sie setzt sich kritisch mit dem Phänomen Vlogging auseinander. In einer Reihe von Videos, die sowohl im Schnittraum als auch online einsehbar sind, kann die Entwicklung des fik- tiven Charakters Pauline, einem jungen Mädchen, das Neonfarben liebt und sich für Mode & Sport interessiert, verfolgt werden. Es werden unter ander- em Themen wie Shopping Hauls, Do-it-yourself-Videos und Beauty Tutorials abgearbeitet. Ein Trend, der Konsumenten zu Produzenten einer virtuellen Wirklichkeit macht, wo Warenfetischismus im Zentrum des Interesses der einzelnen Community-Mitglieder steht. Ziel dieser Videos: Möglichst viel Aufmerksamkeit zu erregen.
Kann dieses exzessive Zelebrieren von Konsumgütern im Internet in dieser Form überhaupt noch Spaß sein? Wo hört das “Kinderzimmer” auf Lebensraum zu sein und wird Werbefläche für große Unternehmen? Wo fängt die Selbstdarstellung an zur kapitalistischen Ausbeute zu werden? Lässt sich das Selbstwertgefühl dieser jungen Menschen an der Anzahl ihrer Abonnenten / Follower / Likes festmachen? Wie viel Spaß bleibt da noch? Und vor allem: Wer braucht das eigentlich?
Auf Youtube findet man unzählige Videos, in denen junge Mädchen ihre
Primark-Tüten in die Kamera halten und ihren Followern stolz ihre von Kinderhand produzierten 2-Euro-Klamotten präsentieren. Seit Langem schon sind Youtube-Vlogs fester Bestandteil der Internetszene und langsam beginnen sie den klassischen Blog abzulösen. Einige dieser Vlogger haben sich zu richtigen Internetberühmtheiten entwickelt. Sie bekommen viele Klicks, gutes Feedback und sind Vorbilder für viele Zuschauer ihrer Videos. Große Unternehmen versuchen die Macht und Reichweite der Vlogs zu ihren Gunsten zu nutzen, junge Mädchen werden zu Werbeflächen für ihre neuen Produkte. Die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fake werden an dieser Stelle verwischt.
Neben kommerzialisierten Vlogs und Musikvideos hat auch die Videokunst seit einiger Zeit durch Youtube eine Plattform zur Verbreitung von küns- tlerischen Projekten, wie „Paulitaaas Room Tour“, gefunden. Diese Entwick- lung der letzten Jahre wird spätestens bewusst, seitdem die Guggenheim Foundation jährlich die Youtube Play, A Biennale of Creative Video veran- staltet. Eine „weitere Biennale“ die sich voll und ganz internetbasierter Kunst widmet. Eine Jury wählt aus 23.000 Bewerbungen die 25 innova- tivsten Videoarbeiten aus und diese werden in einer anschließenden Veran- staltung im Guggenheim Museum in New York gezeigt, welche gleichzeitig auf youtube.com/play live gestreamed werden kann.
Zu sehen sind die Videos von Paulitaaa im Schnittraum bis zum 05.11.2014 und wöchentlich online auf: youtube.com/user/paulitaaaswelt

Kyu Nyun Kim / Moritz Schadt

Kyu und Moritz Ausstellung

Ausstellungseröffnung: 19.06.2014 um 20 Uhr
Werkgespräch mit Kim Schoen (Los Angeles) um 18 Uhr

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Text von Kyu Nyun Kim

Wie können wir den Zuschauer dazu bringen, im Ausstellungsraum zu bleiben?

Der Raum ist komplett dunkel.
Deswegen weiß der Zuschauer nicht, wie groß er ist und wo das Ende des Raumes ist.
Sie laufen sehr langsam.
Um etwas zu sehen, brauchen sie viel Zeit.
Zuckerwasser wurde in den Eingang des Raumes gegossen.
Damit wurde der Zuschauer gezwungen, noch langsamer zu laufen. Zu der sinnlichen Verlangsamung des fehlenden Lichts kommt die physische durch das Festkleben am Boden.
Im Raum gab es verschiedene Klänge, die von dem Laufen des Zuschauers ausgelöst werden.
Diese unterbrechen den eigentlichen Sound, der eine aufgenommen Unterhaltung von Moritz und Kyu ist, wie sie über das Werden der Ausstellung nachedenken.
Wenn der Zuschauer die Unterhaltung hören möchte, darf er nicht mehr laufen oder muss sehr langsam und weich in seinen Bewegungen sein.

Stephan Chamier / Lukas Kozcor

Ausstellungseröffnung: 4.6.2014, 20 Uhr

18 Uhr Werkgespräch mit Ulu Braun (Berlin)

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Text von Ellen Haak

Der Ort als Schnittstelle
Ein Raum. Eine Ausstellung. Zwei Positionen. Ein Denkanstoß.

Ausstellung: Lucas Koczor & Stephan Chamier 
Schnittraum Hochschule für Bildende Künste

Ein Ort ist lokalisierbar. Ein Fixpunkt in einem Bezugssystem. Geographisch zeichnet er sich durch seine Beschaffenheit aus. Orte sind abgegrenzte Räume die sich über Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu anderen Orten definieren.

Die Ausstellung von Lucas Koczor und Stephan Chamier trägt keinen Titel. Es werden Arbeiten und Positionen gezeigt, die auf den ersten Blick in keiner Verbindung zueinander stehen. Der Konnex entsteht durch den gemeinsamen Ort und eine Filmarbeit, die als Brücke fungiert. Diese Brücke, ein gemeinsames Projekt aus der Vergangenheit, bestimmt die Atmosphäre. Ein zentraler Punkt im Raum, um welchen die ausgestellten Werke beginnen zu interagieren.

Die Arbeiten von Lucas Koczor beschäftigen sich mit Ort und Umgebung, mit der Verbundenheit und einem vertrauten, heimischen Gefühl. Die gezeigten Werke sind miteinander vernetzt und lassen dem Betrachter/ der Betrachterin Spielraum bei der Annäherung. Die Perspektive auf den zu betrachtenden Gegenstand ändert sich, wie sich auch das Medium ändert.
Braunschweig, Wolfsburg, Heimat, ein Verweis auf eine Beziehung zwischen Mensch und Raum. Dieser Raum ist durch individuelle Grenzen definiert und diese gilt es zu verteidigen!?

Eine relativierte Liebe zur Heimatstadt? „Kniet nieder ihr Bauern  ***  ist zu Gast“. Lokalpatriotismus der austauschbar wird. Ein Massenprodukt, das eine Idee, ein Gefühl verkauft, welches sich auf eine klar eingegrenzte Umgebung bezieht. Ein Produkt das in seiner Masse die Grenzen, die es zu sichern, zu bewahren gilt, im selben Moment aufhebt.

Die als Triptychon inszenierte Videoarbeit führt den Gedanken von Heimat und Verortung weiter. Das Verlassen der vertrauten Umgebung nimmt in allen drei Sequenzen, beziehungsweise Filmausschnitten, einen zentralen Punkt ein. Welche Rolle spielt das Fremde, das Unbekannte im Vertrauten? Vorurteile verschleiern den Blick. Das Bewusstsein für das Andere wird reflektiert und in Frage gestellt.

Stephan Chamiers Fotoarbeiten eröffnen dem Betrachter/ der Betachterin einen weiteren Blick auf die Thematik des Ortes. Die Arbeiten greifen in die dauerhaft fixierten Grenzen eines Ortes ein und brechen diese durch eine Neuordnung. Feste Elemente eines spezifischen Ortes werden zu Bausteinen einer fiktonalen Landschaft. Verfremdung und Umkehrung vorgefundener Objekte erschaffen eine ganz neue Ästhetik. Diese Eigenheit der Bilder wird durch die matte Oberfläche der Fotografien noch verstärkt.

Die von den Fotomontagen generierte Atmosphäre wirkt über die Fotografie hinaus und gibt den Arbeiten einen nahezu plastischen Charakter.
Der künstlerische Eingriff wird dabei für den Betrachter/ die Betrachterin sichtbar und zu einem gewollten Element der Rezeption. Gleich einem Puzzle lassen sich die vorgefundenen Orte weiterdenken und -entwickeln.

Alice Angeletti / Svetlana König

Wir glotzen weiter

Ausstellungseröffnung 22.05.2014 um 20 Uhr
Vorstellung der Plattform »blinkvideo« mit Julia Sökeland (Hamburg) um 18 Uhr

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Im Dunkel des Raumes öffnet sich ein weiterer Vorhang, man erkennt eine Wohnzimmerszene: Ein gemütliches Sofa, ein Sessel, schwach erleuchtet von einer Schirmlampe. Der kleine Raum ist bereits gut gefüllt, die Besucher auf dem Sofa wirken wie mit der Szene verschmolzen. Blicke werden ausgetauscht, treffen sich – dann richten sich die Augen der Besucher im Zimmer wieder auf einen Punkt rechts neben dem Türrahmen. Wir treten ein, erblicken den Rest der Wohnzimmereinrichtung, einen Beistell- und einen Fernsehtisch mit Röhren-TV, auf den sich sodann auch unsere Blicke richten. Wir sind eingetaucht in ein Wohnzimmeridyll mit ausgeprägtem Retrocharme – und Bodennebel. Aber das ist nicht das einzige, was hier nicht ganz zu stimmen scheint, was die Installation zu einem kleinen surrealen Traumerlebnis macht. Das wohnliche Ambiente wird von kahlen Wänden und der Enge des Raumes konterkariert. Die Stille, das gedämpfte Licht und eintretende Personen, die sich aus dem Dunkeln des Vorhangs lösen und den Raum betreten, versetzen uns in Spannung und lassen den Blick immer wieder von dem abschweifen, was uns mindestens genauso irritiert: Das sehr spezielle TV- Programm. Text von Jan Engelken/Kulturblog38

 

Wir glotzen weiter ist eine humorvolle Umkehrung der Blicke und des Blickwinkels. Die Arbeit beschäftigt sich mit der visuellen Wahrnehmung, dem Sehen und Gesehenwerden, mit Blicken und wie wir darauf reagieren. Sie spielt mit den Erwartungen der Besucher und fordert auf eine ironische Art und Weise dazu auf sich mit den eigenen Routinen und Gewohnheiten auseinanderzusetzen.
Der Kontext einer Ausstellungsituation wird verändert und verwandelt sich zu einem heimischen Ort, der den Besucher zur Interaktion mit dem konstruierten sozialen Raum und sich selbst provoziert.

 

Katja Beck / Deborah Uhde

 

DAS ALL umfassende Nichts

Ausstellungseröffnung am 24.04.2014 um 20 Uhr

Werkgespräch mit Sebastian Stumpf (Leipzig) um 18 Uhr

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Text von Deborah Uhde

DAS ALL umfassende nichts ist eine Gemeinschaftsproduktion von Katja Beck und Deborah Uhde. Zusammen haben wir das Konzept und die Ausstellungsstücke erarbeitet, die Frage nach der Autorschaft verwischt.
Der Raum öffnet sich als Rätsel. Verschiedene Verbindungen zwischen den Einzelstücken entstehen, je nachdem, welchen Einstieg der Besucher für sich wahrnimmt.
Eine dreieinhalb Meter hohe neunkantige  Säule steht mitten im Raum. Oben auf dreht sich langsam eine Scheibe. Was darauf präsentiert ist, sieht man erst, wenn man näher kommt und aufblickt in einen runden Spiegel. Feine Speisen türmen sich filigran zu einem Berg auf. Der Schattenwurf der Säule ist eine weitere Projektion der Skulptur im Raum.
Die Form kann zum Beispiel an ein Schirmchen erinnern. Ein Cocktailschirmchen. Eine Spieluhr-Tänzerin. Ein Karussel. Oder das Pollenschirmchen einer Pusteblume. Solche sind Bestandteil einer weiteren Arbeit der Ausstellung:
eine weiße Wand ist übersät mit den Flugsamen der Pflanze. Hauchzart haften die Pollen an einer rauen Wand und erstrecken sich wie eine Landschaft oder auch eine Karte über die Fläche. Sie wurden mit Puste auf die Wand aufgetragen und sind dort gelandet, wohin sie geweht wurden.
Neben der Wand hängt eine Videoarbeit von Katja Beck: Prana. Zwei Bäuche stehen sich gegenüber und atmen. Nehmen den Raum ein, füllen sich und flachen wieder ab. Eine anziehende Dynamik der sich gegenüberstehenden Bildelemente entwickelt sich, bei der auch der schwarze Zwischenraum, das Nichts, das nicht Nichts ist, eine starke Präsenz entfaltet.

Plötzlich klingelt ein Telefon. Der Blick schweift herüber zu einer Telefonzelle, wie die Säule ganz in Gold. Anruf aus dem Universum? Die Stimme im Hörer erzählt etwas von einer langsamen Drehbewegung eines Planeten und einer Scheibe, auf der eine Landschaft aufgetürmt ist.
Die Drehscheibe auf der Säule schleicht sich zurück ins Gedächtnis und mit den Schilderungen der Erzählstimme steht sie wieder in einem anderen Licht da.
Und sie dreht sich weiter.Gedreht, besser gesagt gerührt wird außerdem von Zeit zu Zeit in einem großen Topf, der in der Ecke von einer Gasflasche befeuert wird. Er steht über dem abgeklemmten Waschbecken in der Ecke des Raumes, akzentuiert von einem LED-Wechselfarbenspot.
Aufgestapelt daneben: Suppenschälchen und Löffel. Doch die Suppe sieht merkwürdig aus im Wechselfeuer der Farben. Es riecht süßlich und fruchtig. Kann man dem Angebot trauen? Der Geruch durchströmt den ganzen Raum und hätte ebenso als erstes die Aufmerksamkeit auf sich ziehen können.
Die abstrakten Objekte spannen ihre Fäden für die offene Erzählung im Raum um den Betrachter.