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Christin von Behrbalk / Anna Sasse

Du hast von meiner Zeit gekostet.
 
Ausstellungseröffnung 5.12.2013
18 Uhr Filmstudio: Werkgespräch mit Freya Hattenberger (Köln)

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Text von Mona Hesse

Gleich zu Beginn der Ausstellung blickt der Besucher in die Gesichter von Fuchs und Gans aus dem allseits bekannten Kinderlied „Fuchs du hast die Gans gestohlen“. Wie entscheidet er sich? Sieht er sich eher als Fuchs, der schlau und überlegen mit direktem Blick den Betrachter anschaut oder identifiziert er sich mehr mit der Gans, die mit geschlossenen blauen Augen, naiv und unschuldig daherkommt. Diese Fotoarbeit Fuchs & Gans (2013) von Anna Sasse bestimmt den Eingang der Ausstellung und macht das Thema des Märchens zu Beginn deutlich.
Geht man weiter erblickt man das Objekt  · – · ·  ··  – – – –  –  ·  · – ·, das bereits 2013 in der Ausstellung “City of Dreams” im großen Schwimmbecken in Wolfsburg zu sehen war. Hier ist es an der Wand installiert und nimmt mit seinen 4,5 x 2 Metern einen großen Teil davon ein. Die mit Seide bezogenen Styroporplatten, auf denen farbige Fäden mit Stecknadeln befestigt sind, erinnern formal an die Architektur von Wohnblöcken wie sie auch in Wolfsburg zu finden sind. Die wellige faserige Struktur der Seide ruft den langsam abbröckelnden Putz der in die Jahre gekommenen Wohnhäuser ins Gedächtnis.
In der darauf folgenden Fotoarbeit (2013) von Christin von Behrbalk werden ebenso genähte Fäden verwendet. Die vier Schwarz-Weiß-Fotografien aus den 30er und 40er Jahren zeigen Frauenportraits. Ihre Gesichter sind jedoch mit Nähten versehen, wodurch sie unkenntlich gemacht sind. Durch den Eingriff der Künstlerin werden die Fotografien zwar wieder zum Leben erweckt, verlieren allerdings gleichzeitig ihre Fähigkeit Identität wiederzugeben. Wer auf den Fotografien abgebildet gewesen ist, bleibt für immer in der Vergangenheit verborgen.
In den folgenden beiden Bleistift-Zeichnungen (2011) setzt sich Behrbalk ebenso mit Vergangenheit und Identität auseinander. Als Vorlage dienten Fotografien, die mit ihrer Biografie verknüpft sind und so einen persönlichen Bezug haben. Die Gegenüberstellung von Soldaten, die ohne Gesicht und Hände gezeichnet sind und dadurch wie eine große, anonyme Gruppe wirken, und Kindern, die unruhig sichtlich aufgewühlt für ein Gruppenfoto posieren, macht deutlich, dass es die Mimik ist, die Aufschluss über das Innere einer Person gibt.
Das Zeigen und insbesondere das Verbergen der Mimik ist ebenso ein wichtiger Bestandteil der darauffolgenden Fotoserie von Behrbalk, die drei Selbstporträts der Künstlerin umfasst.
Vom Betrachter weggedreht, verschleiert mit einem Drahtgeflecht oder die Augen verdeckt von Tüll, wird das Gesicht der Künstlerin nicht direkt gezeigt, was im Gegensatz zur klassischen Porträtfotografie steht.
Das siebzehnminütige Video Ein Gehen (2013) von Anna Sasse befasst sich mit dem kindlichen Wunsch, sich der Doktrin in der Nacht schlafen zu müssen zu widersetzen. Die Protagonistin liegt zunächst in ihrem durch ein Moskitonetz geschütztes Bett im Freien, verlässt es jedoch schließlich und wandelt in ihren zu großen Highheels auf und ab. Sie bricht den wackeligen Balancierversuch ab, zieht die Schuhe aus und nimmt diese mit zu sich ins Bett.
Die ständige Abfolge von Umherwandeln und sich hinlegen zeigt die Rastlosigkeit und den unermüdlichen Versuch der Protagonistin sich dem Schlaf zu entziehen. Dabei warnt sie ihre innere Stimme eindringlich: „Du stirbst, wenn du nicht schläfst“. Am Ende baut sie ihren Schlafplatz ab und verlässt die Szenerie noch vor Anbruch des Tages.