Rolf Pilarsky / Daniela Comani

CouldBe

„Geschichte wird gemacht!“

Ausstellungseröffnung am 07.01. 2015 um 19 Uhr

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Daniela Comani: Ich war’s. Tagebuch 1900-1999 (2002),
Audio-Installation & Chronologie, 66 min

Rolf Pilarsky: Offshore (2014),
2-Kanal-Videoinstallation, Farbe, kein Sound, 3 min

„Offshore“ sind Finanzplätze, die außerhalb der üblichen Rechtsnormen liegen: niedrige bis keine Steuern, minimale Kontrolle und Regulierung. Oft sind es kleine Inseln, häufig ehemalige britische Kolonien. „Offshore“ sind aber auch Radiostationen, die illegal von Schiffen außerhalb von Hoheitsgewässern senden. Rolf Pilarsky verknüpft in seiner 2-Kanal-Videoinstallation eine Black- und Grey Liste der OECD von Offshore Finanz Zentren und Steueroasen mit einer Liste aller in der Alliance of Small Island States (AOSIS) zusammengeschlossenen Inseln, welche als Folge des steigenden Meerwasserspiegels im Zuge der Klimaveränderung ins Leben gerufen wurde und Daniela Comani installiert eine Art Piratensender der Geschichte, mit dem sie das 20. Jahrhundert zur Ich-Erzählung umfunktioniert.

Schrift in Film/Video gilt als ‚illusionsstörend’: Schrift als Bild wird opak, sie ist nicht mehr transparente Transporteurin von Inhalt, sondern SchriftBILD. Als solches adressiert sie uns im Zusehen dialogisch: sie spricht nicht nur von etwas, sie spricht uns an (Florian Krautkrämer: Schrift im Film, Münster 2013). Die Schriftbilder in „Offshore“ machen damit unüberhörbar sichtbar: die Zusammenhänge zwischen Finanzkapitalismus und Klimaveränderung. Die vom steigenden Meeresspiegel bedrohten Inseln (schwarz auf Signalrot) auf der einen Seite, die weißen Wolken der Kapitalflucht vor meereshimmelblauem Hintergrund auf der anderen. Archipelisches Denken – alles hängt zusammen – ist zitterendes Denken: statt Selbstgewissheit ein Denken in Beziehungen (Édouard Glissant). Rolf Pilarsky verfolgt mit seinen experimentellen dokumentarischen Formen (Videos und Fotografien) solche Zusammenhänge: die Beziehung von Politik, Umwelt und Gesellschaft, der Einfluss neuer Technologien auf Ökologie, Ökonomie, Gesellschaft und Datenarchitektur.

Daniela Comani macht sich Geschichte zu eigen: 366 Tage, vom 1. Januar bis 31. Dezember, 1990-1999, die Geschichte des 20. Jahrhunderts aus der Ich-Perspektive erzählt: Geschichte ist hier eine Ich-Erzählung, knappe, Faktizität kondensierende Tagebucheinträge. Ich habe Geschichte gemacht, und: die Geschichte hat mich gemacht: Ich bin’s, ich war’s, ich bin’s gewesen! Geständnis, Behauptung und Einverleibung zugleich. Das Subjekt der Geschichte ist hier eine unhintergehbare, unkaputtbare Setzung, beständig sterbend, am 14. März zum Beispiel „an mutifunktionalem Organversagen“, beständig lebend, beständig wiederkehrend. Bis das „Regime endet“, nein nicht ‚das’, mein Regime endet: Das Ich ist am Ende am Ende. Es hat Buch geführt und uns die Geschichte zur Verfügung gestellt und uns alle in die Verantwortung genommen: Das Ich ist nicht einfach die Künstlerin, ich bin es auch gewesen, das zuhörende Ohr der Audio-Installation („ich wars“ gibt es auch als Künstlerbuch (Revolver Publishing) sowie als E-Art-App, von Ivo Wessel entwickelt) kann sich zum Ich der Erzählung machen, oder aber Widerspruch einlegen: Stimmt doch gar nicht, das warst nicht du, ich war das. Oder wer war das noch? Wer macht Geschichte? Wie wird Geschichte gemacht?
(Text von Nanna Heidenreich)

Keine Atempause
Geschichte wird gemacht
es geht voran

Spacelabs fall’n auf Inseln
Vergessen macht sich breit
es geht voran

Berge explodieren
Schuld ist der Präsident
es geht voran

Graue B-Film Helden
regieren diese Welt
es geht voran

(„Es geht voran“, Fehlfarben, Monarchie und Alltag 1980)